Gedenken verlangt mehr als den Blick zurück“


Kranzniederlegung für die Opfer der Euthanasie-Morde am Nicolaiplatz.

Anlässlich des 88. Jahrestages des „Gnadentod“-Erlasses von Adolf Hitler sind am 1. September 2026 an der Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie-Morde am Nicolaiplatz Kränze und Blumengebinde niedergelegt worden. Der Einladung von Gedenkstättenleiterin Dr. Sylvia de Pasquale waren viele Menschen gefolgt.

Sie erinnerte an die geschichtlichen Hintergründe – an das Jahr 1939, als in der Stadt Brandenburg an der Havel eine der ersten Mordanstalten der „Euthanasie-Aktion T4“ entstand. In der ehemaligen Scheune der leerstehenden Strafanstalt auf dem heutigen Nicolaiplatz wurde eine Gaskammer installiert und der Einrichtung aus Tarnungsgründen der Name „Landes-Pflegeanstalt Brandenburg an der Havel“ gegeben. Tatsächlich war es eine Tötungsanstalt, in der zwischen Februar und Oktober 1940 über 9.000 Menschen mit Giftgas ermordet wurden. Ihr „Verbrechen“ bestand allein darin, dass die Nationalsozialisten sie aufgrund einer Behinderung, einer psychischen Erkrankung oder anderer vermeintlicher Merkmale als „lebensunwert“ stigmatisierten. Ein Staat maßte sich an, über den Wert menschlichen Lebens zu entscheiden – und überschritt dabei jede Schranke von Recht, Moral und Menschlichkeit.

Oberbürgermeister Daniel Keip fragte in seiner Rede:

Wie konnte eine Gesellschaft zulassen, dass Menschen dermaßen ausgegrenzt, entrechtet und schließlich ermordet wurden? Was können wir daraus für unsere eigene Zeit lernen?

Gedenken verlange mehr als den Blick zurück, denn Demokratie und Menschenrechte seien bis in die Gegenwart keine Selbstverständlichkeit.

Sie müssen in jeder Generation neu verteidigt und mit Leben gefüllt werden. Das zeigt sich auch daran, wie wir mit Minderheiten umgehen – mit Menschen, die anders glauben, anders aussehen, eine andere Herkunft oder eine Behinderung haben. Es zeigt sich daran, ob wir widersprechen, wenn Menschen abgewertet und ausgegrenzt werden. Der Blick in die Geschichte macht deutlich: Ausgrenzung beginnt selten mit Gewalt. Sie beginnt mit Worten und Vorurteilen. Darum müssen wir aufmerksam bleiben.

Erinnerung, so Daniel Keip, bleibe nur lebendig, wenn sie von jeder Generation neu angenommen wird. Brandenburg an der Havel hat in den vergangenen Jahren viel dafür getan, die Erinnerung an die Opfer wachzuhalten. Die Fortsetzung schloss sich an die Kranzniederlegung an: In den Räumen der Gedenkstätte wurde eine Ausstellung mit Bildern von Andreas Maus eröffnet, der 2021 mit dem Europäischen Kunstpreis „euward 8“ für Malerei und Grafik im Kontext geistiger Behinderung ausgezeichnet wurde. Eindrucksvoll und schonungslos verarbeitet der Kölner Künstler die Gewalt des NS-Regimes in kraftvollen Bildern.

Öffnungszeiten der Gedenkstätte am Nicolaiplatz 28/30: Donnerstag und Freitag von 13:00 bis 17:00 Uhr sowie Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 10:00 bis 17:00 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Quelle: © Stadt Brandenburg an der Havel / Th. Messerschmidt

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